Sind wir Schweizer “versicherungssüchtig”?

Die NZZ spricht in ihrer heutigen Ausgabe von “versicherungssüchtigen” Schweizern. Gehören Sie auch dazu?

 

Hier der vollständige Artikel:

Versicherungssüchtige Schweizer

Wegweiser durch das Wirrwarr von nötigen, sinnvollen und überflüssigen Produkten

Werner Grundlehner

 

Übermässige Vorsicht und etliche obligatorische Versicherungen machen aus den Schweizern das bestversicherte Volk der Erde. Oft wird dabei zu viel bezahlt und das Falsche versichert.

 

Werner Grundlehner

 

Wer viel besitzt, kann viel verlieren – und fürchtet sich deshalb oft vor materiellen Verlusten. Es ist daher kein Wunder, dass die Schweizer weltweit am meisten für Versicherungsprämien ausgeben. Im Jahre 2010 waren es gemäss Swiss Re 6634 $ pro Kopf. In diesem Betrag sind die AHV-Beiträge noch nicht einmal enthalten. Jedoch sind die Prämien der beruflichen Vorsorge berücksichtigt, die an die Privatassekuranz gehen. Die privaten Versicherungen machen etwas mehr als 30% des gesamten BVG-Geschäfts aus. Von den 6634 $ pro Kopf dürfte ein Drittel auf BVG-Anteile entfallen.

 

Fehler machen nur die andern

 

Stefan Turnherr vom VZ Vermögenszentrum nennt drei Gründe für den Schweizer Rekordwert: das hohe Wohlstandsniveau, die Angebotsvielfalt und die «Versicherungssucht» der Schweizer. In der eigenen individuellen Wahrnehmung ist die Überversicherung aber ein Fehler, den nur die andern machen: Gemäss einer Umfrage des Internet-Vergleichsdienstes «comparis.ch» sind zwei Drittel der Schweizer überzeugt, die Bevölkerung sei überversichert; zugleich kamen 87% der Befragten zum Schluss, selbst genau richtig versichert zu sein. Laut Guido Artho vom Institut für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen ist es jedoch ein gutes Zeichen, wenn sich der Einzelne «richtig» versichert fühlt. Der hohe Versicherungswert pro Kopf rühre zudem auch daher, dass ein Grossteil des Versicherungsschutzes in der Schweiz obligatorisch sei.

 

Die Lage hierzulande ist nur bedingt mit den Nachbarstaaten vergleichbar. Dort bestehen bei der Privathaftpflicht und der Absicherung der Berufsunfähigkeit oft grosse Lücken. Dank beruflicher Vorsorge (BVG) und dem Unfallversicherungsgesetz sind laut den VZ-Experten 95% der Schweizer genügend gegen Berufsunfähigkeit geschützt.

 

Auf der sicheren Seite

 

Auch bei der privaten Haftpflicht sind die Schweizer auf der sicheren Seite. Rund 95% besitzen eine private Haftpflichtversicherung, die gemäss Gesetzgeber unabdingbar ist. Durch Unachtsamkeit im Strassenverkehr können Schäden in Millionenhöhe entstehen, welche die finanzielle Existenz des Verursachers ohne Versicherung auf Lebzeiten ruinieren. Das VZ erachtet auch eine Versicherung gegen Invalidität und Tod sowie eine Absicherung gegen Feuer, Elementarschäden und Erdbeben für sinnvoll.

 

Versichert werden sollte aber nur, was eine Person in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Eine Glasbruchversicherung als Ergänzung zur Hausratsversicherung ist in den meisten Fällen unnötig. Das Schadenereignis kann man im Eintretensfall aus der eigenen Tasche bezahlen. Das Gleiche gilt für eine Reiseversicherung. Jüngst kamen sogenannte Kiosk-Versicherungen hinzu, die Ereignisse wie den Umzug oder die Heirat versichern – auch diese sind nicht nötig. In die gleiche Kategorie fallen Kreditschutz-Versicherungen, die die Ratenfortzahlung bei Arbeitsplatzverlust garantieren, sowie Ski- und Snowboard-Versicherungen.

 

Zudem gibt es Versicherungsprodukte, die Risiken doppelt absichern. Dazu zählt vor allem die Insassen-Unfallversicherung für Autos, denn hierzulande sind alle Beifahrer durch die Versicherung des Fahrers ohnehin geschützt. Auch die Spital-Taggeldversicherung ist nicht sinnvoll, da ähnliche Leistungen durch die Unfall-Taggeldversicherung gedeckt sind. Reiseversicherungen werden häufig noch kurz vor Abreise abgeschlossen – dabei sind die Ferien oft bereits versichert, weil man mit Kreditkarte bezahlt hat oder eine ganzjährige Ausfallversicherung besitzt. Bei Autoversicherungen wird oft zu lange eine Vollkaskoversicherung bezahlt, obwohl sich diese nur in den ersten Lebensjahren des Autos lohnt.

 

Risiko vom Sparen trennen

 

Nochmals anders gelagert sind Versicherungen, die die Risiken einer Langzeitpflege abfedern sollen. Eigentlich decken diese Versicherungen ein Bedürfnis, da sie in den letzten zwei Lebensjahren von den meisten betagten Personen benötigt werden. Stefan Turnherr weist darauf hin, dass das Produkt zwei grosse Mängel aufweist. Erstens bestünden lange Wartefristen von ein bis zwei Jahren. Der Versicherungsnehmer sei meistens verstorben, bevor der Versicherungsschutz eintrete. Zweitens werde die oft beanspruchte Hauspflege nicht bezahlt, sondern erst ab Pflegestufe 3 im Pflegeheim.

 

Der Begriff Lebensversicherung wird für mehrere Produkte verwendet, die teilweise unterschiedliche Zwecke verfolgen. Der Ausdruck wird für Risikoversicherungen und Sparversicherungen sowie Kombinationen dieser beiden Produkte (gemischte Sparversicherung) gebraucht. Auch Einmaleinlagen und Leibrenten werden unter diesem Oberbegriff zusammengefasst.

 

Teurer frühzeitiger Ausstieg

 

Mit einer Einmaleinlage von 50 000 Fr. oder 100 000 Fr. in eine reine Lebensversicherung könne man nicht viel falsch machen, sagt Urs Büchler, Fachleiter am Institut für Finanzplanung. Bei komplexen Produkten verliere man aber schnell die Übersicht. Da müsse der Kunde sich überlegen, welche Fragen er bezüglich Risiko, Kosten und Rendite beantwortet haben wolle, erklärt Büchler. Wenn man ein Auto in dieser Preisklasse kaufe, sei dies eine Selbstverständlichkeit, bei Versicherungen jedoch erstaunlicherweise nicht.

 

Die befragten Versicherungsberater sind sich einig, dass gemischte Produkte nicht sinnvoll sind. Man müsse Sparen und Versicherungen gedanklich trennen und getrennt einkaufen. Das sei meist günstiger. Die Versicherungsprodukte sind mit hohen Verkaufsgebühren belastet, zudem fressen Kosten für Risikoschutz und Verwaltung grosse Teile des Anlageertrags. Doch die Mischung von «Risikoschutz, Garantie und Vorsorgen» ist ein kräftiges Argument für Versicherungsagenten. Besonders fondsbasierte Produkte haben in den letzten Jahren viele Versicherte bitter enttäuscht. Oft erhielten die Investoren nicht einmal mehr die Summe der einbezahlten Prämien zurück. Will man vorzeitig aus Lebensversicherungen aussteigen, wird es erst recht teuer.

 

Leistungen periodisch prüfen

 

Wer eine Lebensversicherung mit periodischer Prämienzahlung eingeht, sollte sich nach ihrem Abschluss nicht nur auf die regelmässige Zahlung beschränken. Versicherungsbestandteile wie Prämienbefreiung, Todesfallkapital oder Arbeitsausfallversicherung müssen regelmässig überprüft werden. Zum Beispiel ist nicht sinnvoll, dass ein 63-Jähriger Prämien für eine Arbeitsausfallversicherung bezahlt, die eine Wartefrist von 24 Monaten aufweist. Bei Versicherungen mit Einmaleinlagen und Höchststandsgarantie muss sich der Kunde bewusst sein, dass bei Erreichen des Garantie-Levels nicht mehr viel dazukommen wird. Die Versicherung investiert ab diesem Zeitpunkt in konservative Anlagen, um das erreichte Niveau zu schützen.

 

Auch beim Sparen in der dritten Säule weist das Versicherungssparen gegenüber dem 3a-Konto oft Rendite-Nachteile auf, denn ein Teil des Ertrags wird für Todesfallversicherung und Prämienbefreiung verbraucht. Als junge Person oder als Single benötigt man keinen Todesfallschutz. Auch ist der Ausstieg oder der Wechsel des Anbieters bei der Versicherungslösung kostspieliger.

 

Viel Sparpotenzial in den Zusatzversicherungen

 

gru. · Auch bei der Krankenkasse eröffnet sich viel Sparpotenzial. Und dies nicht nur durch den jährlichen Wechsel zum günstigsten Anbieter in der Grundversicherung, bei der alle Versicherungen die gleiche Leistung offerieren. Mit alternativen Versicherungsmodellen wie beispielsweise dem Hausarztmodell für jene, die immer zuerst zum Hausarzt gehen, oder durch die individuelle Festlegung der Franchise lassen sich bis zu 50% der Prämien sparen. So lohnt es sich laut Jonas Grossniklaus von comparis.ch, die Franchise für fünf Jahre auf das Maximum zu setzen, auch wenn man wisse, dass in dieser Periode beispielsweise der Blinddarm entfernt werden müsse. Zudem lohne sich die Analyse der Zusatzversicherungen. Zahlt diese Fitness-Abos, Brillen, Bäderkuren oder alternative Medizin, muss dies alles auch bezogen werden, weil die entsprechenden Kosten in den Prämien berücksichtigt sind. Bei derartigen Angeboten handelt es sich auch nicht um einen Risikoschutz, denn das «Eintreten» eines Fitness-Abos hat ja nichts mit höherer Gewalt zu tun. Zudem ist jeder, der mehr als acht Stunden pro Woche arbeitet, vom Arbeitgeber gegen Unfall versichert und braucht diesen Zusatz in der Krankenkasse nicht.

3 Kommentare

  1. [...] Autoversicherung zählt zu den eher teuren privaten Versicherungen. Und gerade wenn der Versicherungsnehmer noch jung, das Auto aber hochwertig ist kann die [...]

  2. Patrick sagt:

    Wow, $6.600 nur für Versicherungen? So hoch hätte ich es nicht erwartet, selbst mit beruflicher Vorsorge. Das relativiert den Wert zwar etwas, aber trotzdem muss man sich das mal vorstellen. Es scheint tatsächlich ein Symptom des hohen Wohlstands zu sein, sich gegen alles versichern zu wollen, schließlich hat man viel zu verlieren. Wer nichts hat, braucht sich auch nur wenig zu versichern (außer für die Gesundheit).

  3. Janne sagt:

    Warum sollten sich Schwiezer zu sehr dafür begeistern?

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